abschalten

Bitte nicht abschalten!

Es gibt im Internet viele Anleitungen dazu, richtig abzuschalten, es zu lernen und Tipps ohne Ende, wie man es erfolgreich mit Routinen unterstützt. Also muss ich eigentlich keinen Artikel mehr dazu schreiben oder könnte ihn als Liste schreiben: Die 10 besten Tipps zum Abschalten – die Linkliste für den Feierabend. So oder so ähnlich könnte ich euch mit diesen viel beschriebenen Anleitungen versorgen und schwupps, bin ich fertig.

Abschalten oder lieber Umschalten?

Ganz richtig, so leicht mache ich es mir nicht und lasse ich dich auch nicht davon. Denn sind wir mal ehrlich: Wie oft haben wir solche Tipps schon gelesen und wie oft hat es nicht geklappt? Tatsächlich glaube ich, dass es Abschalten nicht ganz das richtige Wort ist. Peter Lustig damals hat wirklich Abschalten gemeint. Nämlich den Fernseher, nachdem Löwenzahn zu Ende war. Erinnert ihr euch? Wir sind aber so nicht mit dem Fernseher zu vergleichen, denn selbst wenn ich mich mit all den Tipps “abgeschaltet” habe, laufe ich hoffentlich noch. Jedoch auf einem anderen Programm.

 

In meinem Artikel über die Sozialen Rollen, habe ich beschrieben, wie viele verschiedene Anforderungen täglich an uns gestellt werden. Aus verschiedenen Bezugsgruppen in verschiedenen Rollen. Und hier liegt, so denke ich, auch der Schlüssel zum ominösen Abschalten. Im Rollenartikel habe ich die Theatermetapher oft genutzt, jetzt greife ich dank Peter Lustig auf den Fernseher zurück. Er hat damals eindringlich empfohlen, den Fernseher abzuschalten. In seinem Fall gebe ich ihm recht. Auch wenn ich als Kind gerne hin und wieder weitergeschaut hätte, bot alles außerhalb der Flimmerkiste auch reizvolle Beschäftigung. Wir haben also das Sofa und das Wohnzimmer verlassen und uns neue Welten gesucht und diese bespielt. Also, haben wir den Fernseher abgeschaltet, aber nicht uns. Mich kann ich nicht abschalten, ich habe mich immer dabei. Vergleiche ich mich also mit dem Fernseher, wäre abschalten immer gleich schlafen (oder Endgültigeres, worauf ich hier nun wirklich nicht zu sprechen kommen wollte).

 

Ich bin der Fernseher

Schlafen kann sicher eine Art von Abschalten sein. Aber bestimmt nicht die, die wir meinen, wenn wir nach der Arbeit auch mal an etwas anderes denken wollen oder etwas anderes machen wollen, ohne an die Arbeit zu denken.

Deswegen bin ich für Umschalten. Ein anderes Programm für einen anderen Abschnitt in meinem Tagesablauf, in meinem Leben. Dabei bleibt das erste Programm vorhanden und ich kann zurückschalten, wann immer ich will, denn es ist bei und in mir. Aber jetzt läuft auf dem zweiten die spannendere Geschichte. Analog zum oben schon erwähnten Artikel, bleiben alle unsere möglichen Programme in uns erhalten. In der Regel senden sie auch noch, aber grad will ich die nicht sehen.

 

Und da sind wir auch schon bei der Schwierigkeit mit dem Umschalten. Der andere Sender ist so nah. Vielleicht sendet er sogar Werbung ins aktuelle Programm. Werbung in Form eines Gedankenblitzes, wie wir die kniffelige Phase im Projekt doch noch heil überstehen können.

Einfach ist es dann nicht im Freizeit-Programm zu bleiben. Müssen wir auch nicht. Zappen ist erlaubt. Aber bitte bewusst und begrenzt. Sonst hätte ich gar nicht erst umschalten müssen, wenn mich das andere Programm doch mehr interessiert.

 

Bewusstes Schalten

Jetzt aber genug von der Metapherei. Mal konkret: Gedanken und Ideen zu anderen Teilen meiner Persönlichkeit, meiner anderen Rollen, sind auch ab Abend oder am Wochenende, in der Bar oder in der Badewanne erlaubt! Es ist nur ratsam sich bewusst darüber zu werden, was man gerade tut. Und sich bewusst dazu zu entscheiden. Will ich gerade das Problem an der Arbeit lösen? Dann ist es vielleicht ratsam Zettel und Stift zu holen und die gerade gekommenen Gedanken zu notieren. Oder ganz zurückzuschalten und den Rechner nochmal hochfahren um eine Stunde oder zwei zu arbeiten. Egal, wann das ist. Oder will ich gerade lieber mit meinem Kumpel einen Prosecco trinken? Auch dann ist vielleicht der Stift oder evernote, OneNote oder ähnliche Tools der richtige erste Griff. Aber dann: Gedanken notiert und zurück zum Prosecco.

 

Ich behaupte, dass das ständige Negieren von der gedanklichen Beschäftigung mit der Arbeit, es noch unangenehmer macht. Ich MUSS abschalten, ich darf nicht mehr an die Arbeit denken. So’n Quatsch! Ein einfacherer und besserer Umgang ist es, sich einzugestehen und zuzulassen, dass manches noch nachwirkt, gute Ideen manchmal eher fernab vom Business kommen oder einzusehen, dass es mir heute einfach keine Ruhe lässt.

 

Routinen helfen, sind aber starr und einengend

Es spricht auch nichts dagegen, den ein oder anderen Tipp zu befolgen. Besonders mochte ich den einen, bei dem man sich nach der Arbeit wahlweise mit einem Glas Wein oder Radler auf den Balkon setzen sollte und somit seinem Hirn signalisiert: Alk und Balkon = Freizeit. Nach einigen Wochen (Experten sprechen oft von 12) schaltet das Gehirn von allein um, sieht es Alk und Balkon. Vielleicht funktioniert es auch mit Apfelschorle oder Tee. So geht man zumindest dem drohenden Alkoholismus aus dem Weg. Aber kann es das sein?

 

Für mich ist es das definitiv nicht. Mein Leben ist nicht jeden Tag gleich. Was mache ich also, wenn ich zum Feierabend nicht am meinem Balkon vorbeikomme? Was ich also brauche ist etwas grundsätzlicheres als eine Regel: ein Prinzip*.

 

Das Umschalten-Prinzip

Beim Umschalten-Prinzip geht es darum, dass ich mir bewusst bin, wie viele Programme ich zur Verfügung habe und dass ich grundsätzlich alle nutzen kann. Und ebenso bewusst entscheide ich mich für das aktuelle Programm. Wie schon erwähnt, kann ich umschalten, aber wirklich ratsam ist es nicht immer.

 

Und schließlich komme ich doch noch zu meinen vier Tipps, wie man nach der Arbeit auch mal zur Entspannung kommt, oder bei der Arbeit zur Konzentration.

 

  1. Wie in dem Rollenmodell auch, solltest du dir deutlich machen, welche verschiedenen Zeiträume es über den Tag verteilt für dich gibt: Arbeitnehmer/Unternehmer, Mutter, Kumpel, Tochter und viele mehr.
  2. Entscheide du, wieviel Zeit du mit jeder der Rollen verbringen willst.
  3. Mach den Realitätscheck. Acht Stunden arbeiten und zwei Stunden mit den Kindern spielen und schließlich eine Stunde zum Sport mag gut funktionieren. Wenn du alles für acht Stunden machen möchtest, gerätst du an physische Grenzen. Denn es gibt auch noch unvermeidbare Zeiten, wie Wege, Hygiene, Schlaf.
  4. Setze deine Entscheidung um. Leichter gesagt als getan, denn es bedeutet in der Regel auch Verzicht. Aber bewusst verzichtet, tut auf Dauer weniger weh als ständig hinterher zu hecheln oder nachzutrauern. Denn die Herausforderung ist nicht der Verzicht, sondern das Erkennen von Genug.

 

Natürlich ist dies keine einfache Aufgabe. Aber ich bin überzeugt, dass sie sich lohnt. Denn damit schlagen wir gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Unsere Zeit ist bewusst gefüllt mit den Dingen, die wir machen möchten. Und zudem haben wir die Fernbedienung (die ja dann keine ist) in der Hand. Du machst dein Programm. Wähle weise!

 

*Die Unterscheidung zwischen Regel und Prinzip las ich zum ersten Mal bei Lars Vollmer: Zurück an die Arbeit! Ich hoffe, es ist ok, wenn ich es übertrage, denn ich halte es für sehr treffend. Nicht nur für die Organisationsentwicklung, sonder auch für die Persönlichkeitsentwicklung.

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