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Warum ich nachts um 3 Uhr erreichbar bin … und warum dann lieber doch nicht

Das Trend-Thema “New Work” und alle seine Auswirkungen oder besser Nicht-Auswirkungen wird in vielen Firmen diskutiert, proklamiert und selten auch mal gelebt. Da werden Konzepte ausgearbeitet und ausgerollt. Die Ideen sind gut, aber vielleicht die Welt noch nicht so weit?

Tatsächlich beobachte ich eine seltsame Diskrepanz zwischen Flexibilität und Erreichbarkeit. In den Gesprächen und Beschreibungen, die ich führe und lese, geht es immer darum, jedem in der Firma größtmögliche Flexibilität einzuräumen. Nebensätze verraten dann deren Ausprägung.

Die Belange des Unternehmens müssen gewahrt bleiben

Na, und nun kannst du mal raten, wer die kennt und ausschließlich in der Lage ist, sie zu wahren: der gute alte Vorgesetzte. Oder neuer die Führungskraft. In Nebensätzen wird dann erwähnt, dass diese Flexibilität natürlich abzusprechen ist, dass es zur Aufgabe passen muss oder dass es den örtlichen, fachlichen, etc. Gegebenheiten anzupassen ist. Natürlich ist das so!, rufen jetzt viele Teamleiter. Ich muss doch wissen, wer wann erreichbar ist, wer wann was macht. Dann brauche ich noch einen Teamgeist, alle müssen beieinandersein und sich regelmäßig sehen.

Diese Einwände mögen ihre Berechtigung haben. Nur frage ich mich, warum sollte das eine Person für andere, hoffentlich erwachsene Mitarbeitende entscheiden? Einseitige Flexibilität halte ich nicht nur für fragwürdig, sondern für die Quelle so mancher Erschöpfung. Dieser Wahn der ständigen Erreichbarkeit macht und nicht nur krank, sondern auch am Ende sehr unflexible. Im Kopf.

Erreichbarkeit und Verfügbarkeit bis hin zur Ausschließlichkeit

Am besten erkläre ich an einem Beispiel: Ein eiliges Projekt. Am lebendigsten wird es, wenn der Auftrag vom oberen Management kommt und wirklich knapp bemessen ist. Sagen wir vier Tage bis zur Präsentation neuer Zahlen, die so noch nicht erhoben oder analysiert wurden. Nun funktioniert unsere Arbeitswelt meist als Gremien. Jede Ebene trifft sich zum Jour fix oder Status Meeting. Aus dem ersten in der Kette kommt also der Auftrag. Das zuständige Gremium-Mitglied bekommt also seinen Auftrag. Diesen gibt er innerhalb seiner Organisationseinheit schön geordnet die Führungsleiter runter. Bis es bei dem angekommen ist, der die Präsentation machen soll, vergehen wahrscheinlich schon einige Stunden, vielleicht ein Tag. Dieser meldet nun empört zurück, dass dies nicht möglich ist. Er brauche verschiedenen Input und sowieso, ist die Zeitschiene zu knapp, da sie gerade andere Projekte haben. Das Dokument muss ja noch die Führungsleiter wieder hoch abgestimmt werden, dass nun noch zwei Tage zum arbeiten bleiben.

 

Wie sieht die Lösung aus?

Tja, die Antwort lautet in den meisten Fällen: Aber es muss! Also, machen sich die zuständigen an die Arbeit. Zunächst laufen die Telefone heiß: “Ich komme heute abend nicht zum Sport!” “Kannst du bitte die Kinder aus dem Kindergarten abholen? Wir haben ein wichtiges Projekt.” Andere Termine privat und beruflich werden verschoben. Ganz flexibel. Wenn jetzt noch einer der Kollegen oder eine Kollegin, wie es häufiger der Fall ist, in Teilzeit arbeitet und vielleicht an diesen beiden Tagen nur bis mittag oder gar nicht da ist, wird es richtig schwierig. “Den klammern wir bei solchen wichtigen Aufgaben besser aus.”

Jetzt steht das Projektteam, die Präsentation wird erstellt. In insgesamt sieben Varianten, denn die Aufgabenstellung hatte es die Führungsleiter runter nur bruchstückhaft geschafft. Flexibel arbeiten alle bis neun, der Kollege in Teilzeit wird doch noch zu hause angerufen. Und dann am vierten Tage wird die Präsentation im Gremium angeboten, aber leider hat man keine Zeit, jetzt darüber zu sprechen. “Das machen wir dann nächste Woche.”

Gibt es Alternativen?

Eine andere Lösung wäre sicherlich zurückzumelden, die Präsentation sei nächste Woche fertig, denn die Mitarbeiter arbeiten noch an anderen Projekten und haben private Termine, die sie sonst verschieben müssen oder teilweise nicht können. Ja? Ist das eine Variante? Ich weiß ja nicht, wie du das erlebst, aber ich beobachte, dass es noch keine gangbare ist.

Und über den Weg, wie der Auftrag zu den Mitarbeitern kommt, reden wir in diesem Artikel mal lieber nicht. Da kommen wir in die Organisationsentwicklung, da wollte ich heute nicht hin.

 

Erreichbarkeit nachts um 3 Uhr

Sondern wo ich hinwollte ist, warum ich immer noch nachts an Telefon gehen würde. Eigentlich ist es ganz einfach: Ich bin flexibel. Eigentlich. Denn wirklich flexibel kann ich aber in dem vorherrschenden, oben beschriebenen System nicht sein, ohne mich aufzuopfern. Und deswegen gehe ich eben doch nicht ran, denn das Spiel mache ich nicht mit. Naja, und damit gelte ich dann wohl als unflexibel.

Jetzt aber mal langsam. Was ich eigentlich sagen möchte:

Flexibilität erfordert Respekt und Vertrauen!

  • Respekt, dass ich mit meinen Anforderungen einen anderen Menschen nicht überrumpeln darf
  • Respekt vor Ruhezeiten, Familienzeiten und Freizeit
  • Respekt vor Nicht-Erreichbarkeit und Offline-Zeiten
  • Respekt vor den Zielen und Wünschen der Beteiligten, sei es die Organisation oder eben auch ihre Mitglieder

 

  • Vertrauen, dass auch andere Dringlichkeit, Notwendigkeit und Wichtigkeit einschätzen können, wenn ihnen die richtigen Informationen zur Verfügung stehen.
  • Vertrauen, dass jeder seine Verantwortlichkeiten erfüllt, in seinem Tempo
  • Vertrauen, dass nicht jeder nur auf seinen Vorteil bedacht ist
  • Vertrauen in die Kompetenz der Mitarbeiter

Und damit glaube ich, ist es nun nachvollziehbar, warum ich um 3 Uhr erreichbar sein möchte. Weil ich darauf vertraue, dass nachts um 3 Uhr nur dann das Telefon klingelt, wenn es wirklich keinen anderen Ausweg gibt, es notwendig ist. Denn ich vertraue darauf, dass meine Kollegen, mein Umfeld kompetent genug ist, diese Unterscheidung zu treffen. Und dass sie gleichzeitig mich und meine Bedürfnisse respektieren. Dann bin ich flexibel, dann bin ich da.

Von Launen, Präsenzkultur und stinkenden Prozessen

Doch leider muss ich mich hier wiederholen und erneut Tocotronic zitieren: Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht so weit. Noch immer steht im Vordergrund erreichbar und greifbar zu sein. Und das am besten vor Ort. Gestern habe ich von einer Prämie für Präsenz/Gesundheit bei Daimler gelesen.

“Aber mit der Gesundheitsprämie signalisieren Arbeitgeber: Liebe Mitarbeiter, es ist wichtig, dass Ihr anwesend seid, koste es, was es wolle. Der Oberbegriff dafür lautet Präsenzkultur. Dazu gehören Überstunden und der tragikomische Mechanismus, dass sich niemand traut, zuerst Feierabend zu machen. Dazu gehören unflexible Arbeitszeiten. Dazu gehören auf keinen Fall Homeoffice-Kollegen und allzu viele Teilzeitkräfte – immer gut, wenn alle da sind.” Spiegel online

Das ist so Neunziger. Ach, viel früher. 1900 eher. Wann werden Arbeitgeber endlich anfangen, ihre Mitarbeiter als unmündige Wesen zu behandeln? Das ist doch die Unterstellung, dass die meisten Krankheitstage geschwänzt sind. Eine Frechheit, betrachtet man daneben, dass laut einer Studie des DGB von 2015, 68% der deutschen schon krank zur Arbeit gegangen sind. Damit sie da sind, erreichbar, präsent.

 

Ich bin dann jetzt mal doch nicht erreichbar

Aufgrund all dieser Zusammenhänge, befürchte ich, dass ich doch niemandem erzählen werde, dass ich um 3 Uhr nachts erreichbar bin. Also, verrate mich nicht weiter. Ich warte noch bis sich diese Neue Arbeit etwas mehr durchgesetzt hat. Und bis dahin flüstere ich immer mehr Leuten zu: “Ich vertraue dir!”

  1. Wie ich doch die Welt meines alten Arbeitgebers darin wiederfinde. Und die Arbeitswelt meines Mannes. Und meines Bruders. Und alle 3 Arbeitgeber sind Konzerne, die doch für diese „Neue Welt“ offen sein sollten… doch wie man es an dem genannten Beispiel sieht, haben die Großen noch lange nicht verstanden.
    Toller Artikel, spricht mir aus der Seele!!

    • „Der Konzern“ ist ja am Ende auch nur gemacht aus den Menschen, die dort arbeiten. Und so lange einige meinen, besser zu wissen, was für die anderen richtig ist, und damit durch kommen, geht es immer so weiter.
      Danke für den Kommentar, liebe Karen!

  2. Klasse Artikel!

    Genauso isses: Es fehlen Respekt und Vertrauen und den Gipfel – dass die Themen dann oben doch eine Woche später besprochen werden – kenne ich auch gut. Was ich nicht kenne: Leute, die ihre Flexibilität dazu nutzen, mitten am Tag ins Schwimmbad zu gehen.

    Schöne Grüße
    Dagmar

    • Liebe, Dagmar, ja, genau! Die Flexibilität wird verlangt und nicht gegeben. Allerdings sollten wir auch alle beginnen, sie uns mehr und mehr zu nehmen.
      Doch wahrscheinlich ist es noch ein weiter Weg …

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