Business_Theater

Mächtig viel Business-Theater

Als ich den Titel las “Zurück an die Arbeit” von Lars Vollmer dachte ich zunächst, naja, passt ja! Nach einem Jahr Pause gehe ich in diesen Tagen zurück an meine Arbeit. Aber nein, es ist wahrhaft kein Buch für Elternzeitrückkehrer… es geht tiefer, viel tiefer. Der Untertitel verät es: “Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden.”

Denn eigentlich gehe ich irgendwie dorthin zurück, wovon Lars Vollmer in seinem Buch weg will. Vom Business-Theater. Liebe Kollegen, versteht das nicht falsch. Ich komme ja gern, nur leider tatsächlich in eine oft theaterlastige Umgebung. Aber was meint Vollmer damit, wenn er sagt, wir arbeiteten alle zu wenig und vergeudeten unsere Kraft beim Theaterspielen.

Prozesse und Regeln überlagern alles

Grundsätzlich vertritt Vollmer die These, dass aktuelle Zeit und meist vorherrschende Organisationsform in Unternehmen schlichtweg nicht zusammenpassen. In einer Zeit in der Märkte ständig in Bewegung sind und Innovationen nur so an den Markt drängen, kommt man mit dem guten, alten Taylorismus nicht weiter.

Was geschieht ist eine Überreaktion. Die Führungsriegen in den Konzernen sind ja nicht blind oder blöd. Sie merken, dass ihnen der Laden irgendwie entgleitet und reagieren darauf mit den Managementmethoden, die ihnen vertraut sind. Reports, Tabellen, Präsentationen, … und vieles mehr. Das führt dazu, dass die die eigentlich alle Hände voll zu tun haben, sich auf den volatilen Markt und die Kundenwünsche zu konzentrieren, von ihrer Arbeit abgelenkt werden. Und die, genau die will Vollmer zurück an die Arbeit schicken.

Ohne Business-Theater zum Erfolg

Eindrucksvoll beschreibt Vollmer unser tägliches Business-Theater. Kapitel- und seitenlang führt er Beispiele an, was uns alles vom arbeiten abhält. Durch seinen lockeren aber fundierten Schreibstil ist man aber jederzeit gut unterhalten. Besonders die Fußball-Analogien habe ich genossen. Denn mal ehrlich, der gute alte Libero hat ausgedient, das wissen wir alle. Tiki-Taka ist angesagt.

Und schließlich fühlt man sich ertappt. Fast in jedem Kapitel findet man eine Beschreibung einer Situation, die 1:1 passt. Der Rest, na, den kennt man von den Kollegen. Dabei gelingt es Vollmer – im Gegensatz zu vielen anderen Autoren – die Schuld weder bei den bösen Führungskräften zu suchen, noch bei den faulen Mitarbeitern. Es sind schlichtweg Organisationsform und Marktumfeld, die nicht zusammenpassen. Sowohl die Mitarbeiter als auch die Führenden haben eigentlich Bock zu arbeiten. Die Frage lautet: Wie lässt man sie?

Nachdem Vollmer einige der Unternehmen aufzählt, die theaterarm erfolgreich sind, endet er und sagt:

“Darum meine Bitte an Sie: Nehmen Sie all die genannten Unternehmen nicht als Best-Practice-Beispiele. Wenn Sie sich Organisiationen anschauen, die etwas anders machen als üblich und damit erfolgreich sind, dann ist es eigentlich überhaupt nicht so spannend, was sie tun, sondern was sie weglassen.” (S. 156)

Die Eckpfeiler und die Prinzipien

Was er tut? Er nennt drei Eckpfeiler, die in eine Organisation theaterarm und schließlich erfolgreich machen:

  1. Lasst die Könner ran. Die Spezialisten schließen sich Aufgaben gebunden zusammen und sind genau dort, wo die Arbeit gemacht wird.
  2. Externe Referenzen bestimmen diese Arbeit. Das sind Kunden oder der Markt selbst.
  3. Individuelle Freiheit und Gestaltungsspielraum bilden den Aktionsrahmen.

Dies sind seine Prinzipien für echtes Arbeiten. Aus den Prinzipien leiten sich keine Handlungen direkt ab. Sondern sie geben im Gegensatz zu Regeln, nur einen Bezugsrahmen vor. Er veranschaulicht das mit dem Beispiel einer Regel: “Das Sägeblatt muss einmal in der Stunde gewechselt werden” im Gegensatz zu einem Prinzip “Eine gute Säge muss scharf sein”.

Aus meiner Sicht ist das der Schlüssel zur Organisation von komplexen Situationen. Der Einzelne bekommt die Freiheit selbst zu entscheiden, wann das Blatt gewechselt wird. Denn es kann ja sein, dass er etwas besonders hartes gesägt hat und schon früher wechseln muss oder umgekehrt. Es ist aber seine Verantwortung. Er ist der Könner.

 

Nicht Arbeit wird anders, sondern Zusammenarbeit

Das Buch ist wirklich ein Kracher. Nicht nur, dass es einem wohlbekannten Phänomen in Deutschlands Büros an den Kragen geht, nämlich dem täglichen Business-Theater. Es will aber eben nicht diese Ausprägungen mit neuen Formen der Meetings, Präsentationen oder Reportings bekämfen, sondern ganz direkt die wirkliche Ursache. Wir leben in einer anderen Zeit als noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Welt ist schnell und vernetzt. Und die Ideen für eine Organisationsform, die dazu passt liegen auf dem Tisch. Nicht nur, aber auch mit diesem Buch auch, von Lars Vollmer. Bleibt uns sie anzuwenden.

Im Gegensatz zu der New Work-Bewegung, die die Arbeit besser und menschlicher machen will, sagt Vollmer sehr deutlich, dass das nicht die Lösung sei, da es eine weitere interne Referenz darstelle und nicht am Markt oder Kunden orientiert sei. Es geht nicht um bessere Arbeit, sondern um bessere Zusammenarbeit.Der Beginn liegt im Finden der Inseln, auf denen in unseren Unternehmen noch wirklich zusammengearbeitet wird. Und die muss es geben. Sonst würden wir alle schon nicht mehr arbeiten.

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